Kenia-Exkursion 2001 der Universität Trier 

 
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Universität Trier

Fachbereich VI: Geographie/Geowissenschaften

WS 2000/2001

Exkursionsreferat

Leitung: Prof. Dr. Hornetz

Verfasser: Christian Thurner


 

Kolonialzeitliche Relikte in Kenya

 

 

1 Einleitung und Problemstellung

2 Die Agrarstruktur Kenyas in der vorkolonialen Zeit

3 Die Agrarstruktur Kenyas in der Kolonialzeit

4 Entkolonialisierung der White Highlands

5. Schlußbemerkung

Literatur

 

 

 

1 Einleitung und Problemstellung

Eine wichtige Frage ist, wie die Kolonialzeit die Gesellschaften in Kenya verändert hat, bzw. welche Auswirkungen heute noch anzutreffen sind. Dazu sollte man eine Analyse der Auswirkungen in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen durchführen:

Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf afrikanische Gesellschaften waren tiefgreifend. Systeme wurden entweder zerschlagen oder deren Führer durch Einbindung in die indirekte Herrschaft benutzt. Gleichzeitig führte die indirekte Herrschaft häufig zur Verschärfung von Konflikten zwischen Volksgruppen. So bedienten sich die Briten in Uganda der Aristokratie und der administrativen Strukturen des Königreichs Buganda, um auch den Rest des Landes zu regieren.

Ein weiterer negativer politischer Effekt der Kolonialherrschaft bestand darin, daß in ihr der Staat und seine Vertreter als Unterdrücker, Kontrolleure und Ausbeuter auftraten. Dies sollte das Verhältnis vieler afrikanischer Gesellschaften gegenüber dem Zentralstaat prägen.

Eine weitere Auswirkung der Kolonialisierung war das Heranwachsen einer neuen afrikanischen Elite.  Diese setzte sich vor allem aus Verwaltungsbeamten, aus erfolgreichen Unternehmern und Missionsschülern zusammen.

Die Ausrichtung der Infrastrukturnetze nach den Interessen der Kolonialmächte behinderte in der nachkolonialen Phase die Integration der jeweiligen Volkswirtschaften. Sie begünstigt bis heute internationale Wirtschaftsstrukturen, bei der die ehemalige Kolonie die Rolle des Lieferanten spielt ( vor allem landwirtschaftliche Rohstoffe ).

In der Sozialstruktur führte die Wanderarbeit und die Einführung der Geldwirtschaft zu grundlegenden Veränderungen. Sie schwächten die Familienbande und vor allem die Stellung der Frau. Sie untergrub auch die traditionell starke Position der älteren Generation in afrikanischen Gesellschaften ( geringerer Wert als Arbeitskräfte ).

In einer späteren Phase trat eine als entscheidend positive Auswirkung geltende Verbesserung im Gesundheitswesen ein und damit die entscheidende Senkung der Sterblichkeitsrate. In Verbindung mit den anhaltend hohen Geburtenraten verursachte sie ein hohes Bevölkerungswachstum. Trotz der mit dem Wachstum gekoppelten Probleme kann man die Verbesserung des Gesundheitswesens zusammen mit der Expansion des Bildungswesens als zwei positive Ausprägungen des Kolonialismus betrachten.

Zum Teil werden die Auswirkungen des Kolonialismus allerdings überschätzt. Dieser konnte den Vorrang lokaler, sozialer Identitäten ( wie z.B. der Familie, der Dorfgemeinschaft, des Clans) vor abstrakten, allgemeinen Identitäten wie der Nation nicht beenden. Ebensowenig führte er zu einer Änderung der vor allem auf den Eigenbedarf ausgerichteten Wirtschaftsweise afrikanischer Kleinbauern.

Der Streit darüber, ob der Kolonialismus Afrika grundlegend verändert hat oder ob die traditionellen Strukturen noch immer das Leben in Afrika so sehr bestimmen, ist schwierig. Das Konzept des Nationalstaats genauso wie westliche Werte erfuhren entscheidende Umformungen, wie sie auch diese fremden Kulturen grundlegend modifizierten:

„Das Neue ersetzt nicht einfach nur das Alte, sondern vermischt sich vielmehr mit diesem, belebt es manchmal neu und führt zu neuartigen, spezifisch afrikanischen Formen der Synthese“

( John Iliffe )

 

Die Frage in diesem Referat ist allerdings, welche kolonialzeitlichen Relikte es in Kenya jetzt noch gibt. Da es eine Vielzahl von Bereichen mit einer Prägung durch die Kolonialzeit bis in die Gegenwart gibt, und deshalb das Thema sehr komplex ist, soll der Schwerpunkt der folgenden Darstellung auf Relikten der „Agrarstruktur und Plantagenwirtschaft“ liegen.

 

2 Die Agrarstruktur Kenyas in der vorkolonialen Zeit

Die Mehrzahl der Stämme Kenyas lebte in dieser Zeit ganz oder überwiegend von der Viehzucht ( Nomadismus vorherrschend ). Allenfalls kleine Felder ( max. 0.5ha ) wurden bei ausreichendem Niederschlag für Körnerfrüchte und Gemüse bestellt. Nur das Vieh war individuelles Eigentum, das Land und die Wasserstellen gehörten der Stammesgemeinschaft

( FLIEDNER, 1968, S.81 ff ).

Die Bantustämme ( z.B. Meru, Kikuyu ) demgegenüber besaßen eine viel ältere Feldbautradition ( Wanderhackbau ). Als die Stammeszahlen beträchtlich stiegen, wurde auch eine intensivere Art des Feld-Weide-Wechselsystems betrieben.

Bei allen Wirtschaftsweisen war ein fast ausschließliches Ziel die Selbstversorgung

( Subsistenzwirtschaft )

 

3 Die Agrarstruktur Kenyas in der Kolonialzeit

Am 1.Juli 1895 wurde das Gebiet des heutigen Kenya zum britischen Protektorat erklärt. Einen kenianischen Staat bzw. ein Nationalbewußtsein gab es noch nicht. Es existierten die unterschiedlichen Stämme, die ihren eigenen Gemeinsinn entwickelt hatten.

Die britische Kolonialverwaltung sicherte für die weißen Siedler die landwirtschaftlichen „Sahnestücke“ des Landes im klimatisch begünstigten  Hochland ("White Highlands).

Ermöglicht wurde die verstärkte Besiedlung im Jahr 1902 durch den Bau einer 840 km langen Eisenbahnlinie. Diese war aus strategischen Gründen wichtig und verband die europäischen Besitztümer via Mombasa mit dem Mutterland ( und später mit dem Weltmarkt ).

Obwohl die "White Highlands“ nur 6% der Landfläche Kenyas ausmachten, umfaßten sie 20% des Landes mit besonders hohem landwirtschaftlichem Potential, allerdings auch 60% nur für extensive Weidewirtschaft geeignetes Land. Bis Anfang der 60er Jahre waren es die Europäer auf ihren bis zu 100.000 ha großen Betrieben, die dreiviertel des gesamten landwirtschaftlichen Exports von Kenya bestritten.

Da die Farmer von den einheimischen Arbeitskräften abhängig waren, wurde versucht, die Afrikaner indirekt durch gesetzliche Maßnahmen zur Arbeit auf den Großbetrieben zu zwingen. So sollten die Reservate „so klein gehalten werden, daß die Afrikaner ihren Lebensunterhalt außerhalb suchen mußten“ ( HECKLAU, 1978, S.118 ). Durch die Einführung der monetären Besteuerung sollten sie gezwungen werden, Bargeld zu verdienen. Ihnen wurde allerdings nicht gezeigt, wie man selbst für den Verkauf produzieren kann. Durch diese „Kolonialmethode“ kam es zu einer starken Abwanderung der männlichen Bevölkerung aus den Reservaten. Der hohe Bevölkerungsanstieg bedingte allerdings auch bald verstärkte Arbeitslosigkeit. Durch den Bevölkerungsdruck innerhalb der Reservatsgrenzen und das Vererbungsprinzip der Realteilung zur Zersplitterung der Flur. Das Eindringen der Geldwirtschaft unterwanderte auch die bis dahin sozialen Strukturen.

Die Arbeiter wurden beschäftigt in:

·        Reinen Viehzuchtbetrieben ( Ranches ) zur Fleisch- und Milchproduktion

·        Plantagen mit Sisal-,Tee- oder Kaffeepflanzungen

·        Gemischten Farmbetrieben.

 

4 Entkolonialisierung der White Highlands

Erst nach den Mau-Mau Unruhen ( 1956-59 ) wurde die Reservatspolitik zum Teil aufgehoben und die Schaffung von verfügungsfreiem Grundbesitz vorangetrieben ( sowie eine Art Flurbereinigung unternommen – Swynnerton Plan ).

In den Folgejahren wurde die innenpolitisch äußerst bedeutende Afrikanisierung der "White Highlands“ durch das "One Million Acre Scheme“ in Angriff genommen. Innerhalb von 5 Jahren wurden ca. 50.000 afrikanische Bauern angesiedelt. Dazu wurden 400.000 ha Land den Europäern abgekauft und weiter veräußert oder verteilt, z.B. auch an bisher Landlose. Es wurden aber nur die Mischfarmen aufgekauft und veräußert, die beiden anderen Typen wurden den Europäern überlassen, um die Exportproduktion nicht zu gefährden. Dabei wurden teilweise die Farmen ungeteilt von reichen Afrikanern aufgekauft und die Leitung weiterhin den ehemaligen europäischen Besitzern übertragen.

Drei Ziele wurden im wesentlichen mit den Schemes verbunden:

1.      Die Ansiedlung einer möglichst großen Zahl arbeitsloser und landloser Afrikaner;

2.      Die Aufteilung so zu organisieren, daß die Erzeugung nicht unterbrochen wird;

3.      Eine extreme Zersplitterung der wirtschaftlich arbeitenden Betriebe zu verhindern.

     

 

Abb.1: Dekolonialisierung der "White Highlands"                    Abb.2: Besitzverhältnisse in der                           durch Settlement Schemes ( Stand 1971 )                               kenianischen Landwirtschaft 1979

Quelle: ODINGO (1971)                                                       Quelle: HOUSE KILLICH (1981)

 

5 Schlußbemerkung

Die „Afrikanisierung“ des Hochlandes ist heute in den Räumen der gemischten Wirtschaft fast vollständig abgeschlossen. Nur in den für die extensive Weidewirtschaft genutzten Gebieten sind große Ranches teilweise noch im Besitz von Europäern; viele Großbetriebe sind mittlerweile in GmbH`s ( Ltd. ) umgewandelt worden.

 Die geringsten Veränderungen der Eigentumsverhältnisse sind im, oft von multinationalen Konzernen geprägten, Plantagensektor eingetreten.

Die Plantagen in Kenya produzieren hauptsächlich Zuckerrohr ( am Viktoria-See ), Tee ( in der Nähe von Kericho ), Kaffee und Sisal. Bei den Teeplantagen im Raum Kericho und Limuru, den Kaffeeplantagen im Raum Nairobi-Thika oder den Sisalplantagen haben sich keine sichtbaren Veränderungen der Besitzverhältnisse ergeben ( wenngleich Vorstände und Aufsichtsratposten im hohen Maße mit Afrikanern der neuen Elite besetzt wurden ).

 

Literatur 

DOPPLER, W. (1991): Landwirtschaftliche Betriebssysteme in der Tropen und Subtropen.-  Stuttgart

FLIEDNER, H. (1968): Die Wandlung der Agrarstruktur in Kenya.-

HECKLAU, H. (1978): Agrargeographie Ostafrikas. -Berlin, Stuttgart

PÖSSINGER, H. (1967): Sisal in Ostafrika.-

STATISTISCHES BUNDESAMT (Hrsg.,1995): Länderbericht Kenya 1994. – Wiesbaden

www.hoovers.com ( Lexikalisches Nachschlagewerk über Weltkonzerne )

www.unilever.com ( Homepage eines der größten Mischkonzerne der Welt )

 

 

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