Kenia-Exkursion 2001 der Universität Trier 

 
Startseite
Teilnehmer
Regionalseminar
Exkursionsreferate
Tagesprotokolle
Bilder
Route (Text)
Route (Karte)
Karten
Impressum




Universität Trier

Fachbereich VI: Geographie/Geowissenschaften

WS 2000/2001

Exkursionsreferat 

Leitung: Prof. Dr. Hornetz

Verfasser: Martin Baumeister


 

Landnutzungskonflikte im kenianischen Maasailand – Viehzüchter contra Ackerbauern  

 

 

1. Einleitung

2. Grundwissen und kulturelle Identität der Maasai

3. Geschichtliche Entwicklung der Landnutzungskonflikte

     3.1 Vorkoloniale Zeit

     3.2 Kolonialzeit

     3.3 Nachkoloniale Zeit

4. Viehhüter contra Ackerbauern – Argument

5. Schlussbemerkung

Literatur

 

 

 

1. Einleitung

In der Geschichte der Maasai gab es schon immer Konflikte zwischen den Maasai selbst und auch ihren Nachbarn. In früheren Zeiten bezogen sich diese Konflikte meist nur auf das Streiten um Land und Vieh. Mit dem Einzug der Kolonialmächte aber wurde das Land der Maasai stark reduziert und gleichzeitig der Ackerbau begünstigt. Dies führt bis heute noch zu Landnutzungskonflikten.

 

Abb.1: Das heutige Maasai-Gebiet

Quelle: AMIN et al. (1987,  S. 16)

2. Grundwissen und kulturelle Identität der Maasai

 Um die Landnutzungskonflikte überhaupt verstehen zu können, muss man sich mit der kulturellen Identität der Maasai auseinandersetzen.

Die Maasai teilen das Ideal der pastoralen Lebensweise. Alan Jacobs definiert die Maasai als       

"…pure pastoralists, who practice no agriculture and raise livestock for food consumption and internal social exchange, and are relatively free from external trading or market situations" (JACOBS, 1965, S. 146).

Durch ihre pastorale Lebensweise fühlen sich die Maasai der verschiedenen Sektionen verbunden und gegen andere Völker abgegrenzt.

 Die Masaai haben eine enge Beziehung zu ihren Viehherden. Das Vieh hat im praktischen Leben und im Denken der Maasai eine zentrale Bedeutung. Fast alle Bereiche der Maasai-Kultur sind mit diesem zentralen Kulturelement in irgendeiner Weise verbunden. Die enge Beziehung der Maasai zu ihrem Vieh wird im religiösem Bereich, in den sozialen Beziehungen, in der materiellen Kultur, in der oralen Literatur, in der Medizin und im täglichen Bereich manifestiert. Auch bildet nicht die Sprache der Maasai (das Maa) das zentrale Identitätsmerkmal, sondern ebenfalls das Vieh.

Die Wirtschaftsform der Maasai beruht auf drei Grundvoraussetzungen: das Vieh (als  Grundlage), das Vorhandensein von genügend Weideland (als natürliche Grundlage), und der Zugang zu Wasser zum Tränken der Viehherden.

Das Ideal eines Maasai ist es, eine möglichst große Viehherde zu besitzen. Hierfür gibt es mehrere Gründe:

-         Die Nahrung der Maasai besteht vorwiegend aus Viehprodukten, wie Milch, Fleisch und Blut. Eine große Viehherde dient somit zur Sicherung des Nahrungsbedarfes.

-         Die Überlebenschance bei Dürreperioden oder Seuchen ist für die Herde bei einer großen Anzahl an Tieren größer (Kernherde).

-         Die Größe der Herde hat direkten Einfluss auf das Sozialprestige des Besitzers.

 Es ist also offensichtlich, dass jeglicher Einfluss auf die Weidewirtschaft sich direkt auf die Lebensgrundlage der Maasai auswirkt.

 

 

3. Geschichtliche Entwicklung der Landnutzungskonflikte

3.1 Vorkoloniale Zeit  

Ursprünglich siedelten die Maasai südöstlich des Kerio-Flusses und am Südende des Lake Turkana. Die zunehmende Verwüstung dieser Region und die häufigen Attacken benachbarter Stämme leiteten anfangs des 15. Jahrhunderts die Wanderung der Maasai ins Rift Valley ein. Auf dieser Wanderung assimilierten und vertrieben die Maasai südnilotische Völker, welche im Rift Valley lebten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts weideten die Maasai bereits im nördlichen Tansania und drangen anfangs des letzten Jahrhunderts bis nach Zentraltansania vor. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte die territoriale Ausdehnung der Maasai ihren Zenit. Das Gebiet reichte vom Lake Turkana im nördlichen Kenya bis ins Kiteto-Gebiet in Zentraltansania. Bei dieser Expansion ging es den Maasai ausschließlich darum, genügend Weidemöglichkeiten für ihr Vieh zu finden.

 Im 19. Jahrhundert kam es innerhalb der Maa-sprechenden Bevölkerungsgruppen zu drei großen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Ilmaasai, als Hirten, und den  Iloikop, welche ihr Vieh verloren hatten und zumindest teilweise Ackerbau betrieben. Der Verlust des Viehs der Iloikop beruhte zum einen auf Viehseuchen und zum anderen auf Raubzügen der Ilmaasai. So mussten die Iloikop notgedrungen auf den Ackerbau umsteigen.

Die traditionellen Wirtschafts- und Lebensideale blieben aber bei den Iloikop bestehen. Dies führte dazu, dass die Iloikop beständig bei den Hirten-Maasai und bei benachbarten Bantu-Völkern Viehraubzüge durchführten. Die Maasai beurteilen die drei Iloikop-Kriege in erster Linie als eine Schutzmassnahme gegen die Überfälle der Iloikop.

 Zu Beginn der 90-er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden die Maasai von einer Reihe Katastrophen heimgesucht. 1890 wurde von Norden die Rinderpest ins Maasailand eingeschleppt, wo sie sich schnell verbreitete. Die anschließende Dürre im Jahre 1891 vernichtete den größten Teil des Viehs, welches die Rinderpest überlebt hatte. 1892 starben viele Maasai, von Hunger geschwächt, an einer Pockenepidemie. Nach Schätzungen ist während dieser Katastrophenserie fast der gesamte Viehbestand der Maasai eingegangen und rund die Hälfte bis drei Viertel der gesamten Bevölkerung gestorben.

Nicht alle Maasai-Stämme litten gleichermaßen unter der Katastrophenserie. Die Ilpurko beispielsweise hatten große Ziegen- und Schafherden, welche von der Rinderpest nicht betroffen waren. Aufgrund dieser Differenz im Ausmaß der Katastrophen kam es in den folgenden Jahren zu dem einzigen Bürgerkrieg unter den Hirtenmaasai.

 

3.2 Kolonialzeit

 Die britische Verwaltung im Maasai-Gebiet begann anfangs der 1890-er Jahre, ohne auf großen Widerstand seitens der Maasai zu stoßen. Dies ist vor allem auf die oben beschriebenen Katastrophen zurückzuführen. Zu Beginn der britischen Administration mischten sich die Briten nicht in die inneren Angelegenheiten der Maasai ein, da ihre militärische Macht nicht ausreichte.

 1902 wurden die Kisumu- und Naivasha-Provinzen vom Uganda-Protektorat abgetrennt und dem `East Africa Protectorate` zugesprochen. Dies bedeutete, dass die Maasai im britischen Bereich nun unter der Administration des britischen ´East Africa Protectorate´ vereint waren. Im gleichen Jahr schuf die ´Crown Lands Ordinance´ die Vorraussetzung für die Ansiedlung weißer Farmer im kenianischen Gebiet. In dieser Verordnung war festgelegt, dass alles ungenutzte Land ´Crown Land´ sei und an weiße Siedler verkauft oder verpachtet werden könne. Diese Verordnung wurde benutzt, um den weißen Siedlern, welche 1902 und 1903 in großer Zahl aus Südafrika und England kamen, Land zu verschaffen.

Es wurde überprüft, ob weiße Farmer im fruchtbaren Rift Valley, dem Zentrum des Maasai-Gebiets, angesiedelt werden könnten. Da die britischen Administratoren nicht mit der semi-nomadischen Lebensweise der Maasai vertraut waren, hielten sie das Gebiet für größtenteils unbewohnt. Dabei wurde übersehen, dass die Maasai dieses Gebiet vornehmlich als Trockenzeitweide benutzten.

1904 beschloss die Administration, die Maasai in zwei Gebiete umzusiedeln. Es wurde ein Vertrag abgeschlossen, der die Maasai dazu verpflichtete, das Rift Valley zu verlassen und in ein nördliches Reservat auf dem Laikipia-Plateau (11.654 km²) sowie in ein südliches Reservat an der kenianisch-tansanischen Grenze (11.266 km²) umzusiedeln (s. Abb. 2). Den Maasai wurde zugesichert, dass diese Gebiete ihnen gehören sollten. Zusätzlich wurde ihnen ein Verbindungsweg zwischen den beiden Gebieten mit Zugang zu den Wasserstellen garantiert. Durch dieses Abkommen wurde das Maasai-Gebiet auf ca. ein Viertel der ursprünglichen Größe reduziert.

 Abb. 2: links: Die Reservate nach 1904; rechts: das Reservat nach 1911

Quelle: LAUBE (1986, S. 36)

 1908 wurde jede Bewegung mit dem Vieh zwischen den Reservaten aus Angst vor Seuchen verboten. Zusätzlich begann die Administration mit den Vorbereitungen für eine zweite Umsiedlung der Maasai vom Laikipia-Plateau in ein erweitertes Südreservat. Das Land sollte wiederum von weißen Farmern besiedelt werden.

1911 wurde somit ein weiteres Abkommen geschaffen und die Maasai mussten, trotz Protesten, gen Süden ziehen (s. Abb. 2).

 

3.3 Nachkoloniale Zeit

 Die ökologisch begünstigten Teile der vermeintlich unbewohnten Weidegebiete wurden durch das Eindringen großflächiger Landnutzungsformen (insbesondere Cash-Crop-Anbau) reduziert. Die Großfarmer wurden durch politische, wirtschaftliche und rechtliche Maßnahmen der früher kolonialen, dann treuhändlerischen und heute eigenstaatlichen Verwaltung bevorzugt.

Es erfolgte auch ein direkter Eingriff in die Ländereien der Maasai durch die Ausweisung  von Naturschutzgebieten, Staatsfarmen, Forstschutzgebieten und archäologischen Schutzgebieten. Heute findet sogar teilweise eine Vergabe von Land an Kleinbauern durch die Maasai statt (s. JÄTZOLD, 1992, S. 432).

Bis in die 60-er Jahre blieb das traditionelle, soziale, politische und ökonomische System der Maasai intakt. Erst die verheerenden Auswirkungen von Dürreperioden, der zunehmende Bevölkerungsdruck, Landverlust und die Verschlechterung der Weideverhältnisse sowie das neue Landeigentumsrecht haben zu Veränderungen des traditionellen Lebens geführt. Zwar bildet das Ideal der pastoralen Lebensweise nach wie vor das zentrale Element der Maasai-Kultur; um sich danach zu richten, müssen aber in stärkerem Maße Aktivitäten im modernen System miteinbezogen werden.

   

4. Viehhüter contra Ackerbauern – Argumente

 Die Argumente der Bauern (v.a. vom Stamm der Kikuyu, Kamba und Kalenjin) sind einerseits, dass in Anbetracht der steigenden Bevölkerung die agrarische Nutzung der semiariden Gebiete unumgänglich ist. Ackerbau versorgt sicherer und  mehr Menschen auf kleinerem Raum als die Subsistenzwirtschaft der Maasai. Zum anderen stellen die Bauern eine weit größere Lobby in Kenya dar, welche mehr organisiert sind und politisch unterstützt werden. Ein weiteres Argument ist die normale Selektion der geschichtlichen Entwicklung. Früher waren es die Maasai, die andere Stämme aus ihrem angestammten Land vertrieben, während heute sie selbst zu Opfern werden.

 Für die Maasai spricht, dass für die traditionelle Weidewirtschaft (will man diese beibehalten, und die Vergangenheit hat schließlich gezeigt, dass die Maasai nicht gewillt sind, sie aufzugeben) riesige Flächen nötig sind. Die Kultur und Traditionen der Maasai hängen direkt mit der pastoralen Wirtschaftsweise zusammen. Jede Änderung dieser Wirtschaftsweise würde zu einem Verlust eben dieser Traditionen und Kultur führen. Als weiteres Argument kann man sagen, dass es keineswegs sinnvoll erscheint, jenseits der agronomischen Trockengrenze noch Ackerbau zu betreiben, da ein erhöhtes Risiko von Wasserknappheit besteht und die Wachstumsbedingungen für die Pflanzen nicht mehr optimal sind. Es wäre also zu überlegen, ob man diese Gebiete nicht den Hirten überlassen sollte, sie als Kulturschutzgebiete auszuweisen, um so Landschaftsdegradierungen durch Wasser- und Winderosion vorzubeugen (s. JÄTZOLD, 1992, S. 426). Auch die Maasai können mit der Geschichte argumentieren. Die „White Highlands“, als ehemaliges Gebiet der Maasai, wurde ihnen nicht zurückgegeben. Andere Stämme siedeln heute dort.

 

5. Schlussbemerkung

 Die Maasai werden es enorm schwierig haben zu überleben, wenn sie weiterhin auf in ihrer traditionellen Lebensweise bestehen. Allerdings muss man auch erkennen, dass sich heute tatsächlich einige Modifikationen im Leben der Maasai feststellen lassen. So sind keineswegs alle Maasai Nomaden, einige sind zum Ackerbau oder teilweise zum Ackerbau übergegangen.

 Es muss allerdings von der Regierung mehr erwartet werden, denn es wird sich auf Dauer wohl nicht auszahlen, die Maasai zu übergehen. Es sollte eher eine sinnvolle Zusammenarbeit angestrebt werden, um produktive Lösungsansätze auszuarbeiten. Nur so kann den andauernden Landkonflikten Einhalt geboten werden.

 

Literatur:

 -  AMIN,  M. ; WILLETTS, D. ; EAMES, J. (1987): The last of the maasai.  -London

-  HECKLAU, H. (1993): Ostafrika-Bibliographie: Kenia – Tansania – Uganda.     

   -(=Bibliographien zur regionalen Geographie und Landeskunde, 9), München

-  IBRAHIM,  F.  (1993): Agropastoralism and current cultural change among the Maasai

   of northern Tanzania – a case study in Ormoti-Naberera Area. – (= Trierer Geographische

   Studien, Heft 9), Trier

- JÄTZOLD, R. (1992): Maasailand heute – letzte Chance für ein Kulturschutzgebiet.- In: 

   BROGIATO, H. P. (Hrsg., 1992): Geographie und ihre Didaktik, Teil 1, Trier, S. 425 - 434

-  LAUBE, R. (1986): Maasai-Identität und sozialer Wandel bei den Maasai. -Basel

-  RICHTER, E. R. (1994): Landnutzungskonflikte in den Weidegebieten

   Tanzanias. -Afrika Spectrum, 29/3,  S. 265 – 284

-  VORLAUFER, K. (1990): Kenya. –(Klett Länderprofile), Stuttgart

 

 

zurück nach oben