Kenia-Exkursion 2001 der Universität Trier 

 
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Universität Trier

Fachbereich VI: Geographie/Geowissenschaften

WS 2000/2001

Exkursionsreferat 

Leitung: Prof. Dr. Hornetz

Verfasser: Christine Mesch


Landschaftsschäden und Regenerationsmöglichkeiten in Nordkenya –
der Raum
Ngurunit (Dornsavannen-Bergwälder) und Korr/Loglogo (Halbwüsten)

 

 

1 Einleitung

2 Degradation und Desertifikation

     2.1 Definition

     2.2 Ursachen und Auswirkungen der Landschaftszerstörung

3 Landschaftszerstörung im Marsabit-Distrikt

     3.1 Degradationsserie (allgemein)

     3.2 Die Degradierung der Schirmakazienwälder im Saangani- und Ngurunit-Tal

     3.3 Degradierung von Commiphora-Gehölzen der Inlandebene

     3.4 Degradierung der Bergwaldstufe am Beispiel der Ndoto Mountains

4 Regenerationsmöglichkeiten

5 Schlussbetrachtung

Literaturauswahl

 

 

1 Einleitung

 Der schnelle Anstieg der Bevölkerung und die Abnahme der traditionellen nomadischen Bewirtschaftungsformen führen zu einer immer stärker werdenden Belastung der Trockenräume in Kenya. In der Umgebung dauerhafter Siedlungen und Wasserstellen sind starke und teilweise sogar irreversible Schäden an Böden und Vegetationsdecke zu verzeichnen. Somit wird auf lange Sicht die Sicherung des Nahrungsmittelbedarfs zu einem existentiellen Problem.

 Das Betrachtungsgebiet umfasst ca. 40 km² und liegt im Tal des saisonalen Flusses Ngurunit zwischen den auf über 2500 m ü. NN aufragenden, aus präkambrischen Gneisen bestehenden Ndoto-Bergen im Westen und der Hedad-Ebene im Osten, einer auf 550 – 600 m ü. NN liegenden Akkumulationsebene. Überwiegende Vegetationsformen sind feuchte und trockene Varianten der Dornsavanne mit bis zu 10 m hohen Acacia tortilis-Bäumen und dem Zwergstrauch Duosperma eremophilum im Unterwuchs.

Im Raum Ngurunit berühren sich die Stammesgebiete der Samburu-, Ariaal- und Rendille-Nomaden. Die traditionelle Landnutzung ist die der extensiven Weidewirtschaft mit definierten Weidegebieten und Wassernutzungsrechten. Die Herden setzen sich hauptsächlich aus Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen zusammen (vgl. SCHIFF 1995, S. 1). Der Norden Kenyas kann zum größten Teil den semiariden und ariden Klimazonen zugeordnet werden. Dieser Raum zeichnet sich durch eine hohe Varibilität der Niederschläge und immer wiederkehrende Dürren wie 1984, 1987, 1991/92 und 1993 sowie eine zunehmend wachsende nomadische Bevölkerung (1,5 – 2,5 %) aus. Die flächenhafte Überbeanspruchung des naturgegebenen Potentials führt zu einer „schleichenden“, d.h. kurzfristig nur schwer feststellbaren Ressourcendegradierung. Insbesondere die Übernutzung der sich in unmittelbarer Nähe zu den permanenten Siedlungen befindlichen Ressourcen ist ein Problem. Die Folge ist häufig eine Desertifikation der Landschaft (vgl. MÄCKEL & WALTHER 1993, S. 32).

 

2 Degradation und Desertifikation

2.1 Definition 

Die Landdegradierung behandelt die Beeinträchtigung des Naturhaushalts und seiner Leistungsfähigkeit infolge direkter und indirekter anthropogener wie auch natürlicher Einflüsse.

Abbildung 1: Desertifikationsschema nach IBRAHIM (1989, S. 12)  

MENSCHING (1979) definiert den Begriff der Landschaftsdesertifikation als Vorgang, bei dem unter gegebenen klimatischen Voraussetzungen und unter Berücksichtigung der Variabilität der Niederschläge in ariden/semiariden, allenfalls noch subhumiden Zonen das ökologische Potential durch menschliche Nutzungsweisen stark geschädigt oder gar zerstört wird, so dass wüstenähnliche Zustände und Bedingungen geschaffen werden
(vgl. MENSCHING 1979, S. 350).

Das Desertifikationsschema von IBRAHIM (1989, S. 12) (s. Abb. 1) macht deutlich, wie komplex die direkten und indirekten anthropogenen und natürlichen Einfluss-größen auf dieDesertifikation sind. Zudem wird gezeigt, welch schwerwiegende  ökologische und sozio-ökonomische Folgen ein Desertifikationsprozess, einmal in Gang gesetzt, auslösen kann.

  

2.2 Ursachen und Auswirkungen der Landschaftszerstörung

 Die schon erwähnte hohe Variabilität der Niederschläge in Nordkenya, sowie eine starke saisonale Konzentration der Niederschläge (Niederschlagsmaxima: März/April = ”long rains“ und November/Dezember = ”short rains“) und zudem noch eine starke räumliche Variabilität machen den Raum Ngurunit und Korr/Loglogo zu einem äußerst sensiblen Ökosystem, welches extrem auf externe Einflüsse reagiert (vgl. HORNETZ 1993, in: HORNETZ 1995,
S. 217).

Erste Erosionsschäden entstehen durch übermäßige Landnutzung wie durch Ackerbau oder durch starke Überweidung, so dass die natürliche Vegetationsdecke stark aufgelichtet wird. Der steigende Bevölkerungsdruck, welcher aus dem natürlichen Bevölkerungswachstum sowie aus den Flüchtlingsströmen aus Somalia, Sudan und Äthiopien sowie Umsiedlungsmaßnahmen resultiert, führt zu einem erhöhten Druck auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen. Außerdem wird die Mobilität der Nomaden in Nordkenya durch eine Begrenzung der Weideflächen sowie durch zunehmenden Ackerbau stark beeinträchtigt. Daraus folgt, dass die Nomaden länger auf den entsprechenden Weideflächen bleiben, welche dann immer stärker beansprucht werden; vor allem betroffen davon sind die Gebiete der Trockenzeitweiden. Probleme entstehen auch dadurch, dass die ehemalige Kolonialregierung die Bohrung von Tiefbrunnen veranlasste, und sich daraufhin die nomadische Bevölkerung an diesen Versorgungsstellen konzentrierte. Aufgrund heutiger finanzieller Konflikte mit der Regierung bzw. mit entsprechenden Institutionen zur Errichtung der Brunnen sind viele der Tiefbrunnen und Dämme momentan nicht mehr nutzbar. Zudem ist der Staat nicht mehr in der Lage, alle Wasserstellen in Nordkenya zu unterhalten, daher drängt sich die Bevölkerung mit den Herden um die wenigen noch funktionsfähigen Wasserstellen. Aufgrund dessen wird hier die Vegetation sehr stark beansprucht bzw. teils sogar gänzlich vernichtet. Das Kernproblem in Nordkenya jedoch ist der Mangel an ganzjährigem Futterangebot und nicht die teils nur mangelhafte Versorgung mit Wasser. Eine unangepasste Bearbeitungsweise der Ackerbauern, die aus anderen Klimazonen stammen und nicht mit semiariden Klimabedingungen vertraut sind, ist ein weiterer Grund für die Bodendegradation (vgl. MÄCKEL & WALTHER 1993,
S. 36).

Bei zunehmender Boden- und Vegetationsdegradation erfolgt auch eine Veränderung der Artenzusammensetzung, d.h. eine Verdrängung der perennen Gräser aus der Grassavanne, insbesondere hochwertige Weidegräser wie Chloris roxburghiana und Eragrostis superba, sowie eine gleichzeitige Zunahme von Zwergsträuchern wie Duosperma eremophilum und von Strauchakazien wie z.B. Acacia reficiens. Weiterhin treten Überweidungsanzeiger wie Solanum sp. und Heliotrophium steuderii auf. Bei fortschreitender Degradierung der Vegetation und insbesondere durch den Beginn der Bodendegradierung wandern verstärkt Arten mit geringeren Standortansprüchen aus der benachbarten Hedad ein wie Indigofera cliffordiana und spinosa, Aristida adscensionis  (vgl. SCHIFF 1995, S. 1). Somit wird die semiaride Vegetation allmählich durch Arten der ariden Gebiete verdrängt. Durch die Vegetationsverringerung und –veränderung verstärkt sich immer mehr die Bodenerosion, welche durch eine Reduzierung der Infiltrationsrate und eine Erhöhung des Oberflächenabflusses verursacht wird. Zudem kommt es zu einer erhöhten Verdunstungsrate des Bodens und so zu einer Aridifizierung des Bodens, was einen erhöhten Benetzungswiderstand zur Folge hat, der wiederum zu einer Erhöhung des Oberflächenabflusses und somit zu einer verstärkten Bodenerosion führt (vgl. PLANKERMANN  1994, in: HORNETZ 1995, S. 219).

 

3 Landschaftszerstörung im Marsabit-Distrikt

 Das Betrachtungsgebiet im südwestlichen Teil des Marsabit-Distriktes bei Korr und Ngurunit ist geprägt durch ein mäßig heißes, überwiegend vollarides Tropenklima, welches zwei sehr kurze Regenzeiten aufweist. In der Hedad betragen die Jahresniederschläge zwischen 150 - 200 mm, um Korr 240 mm, in den Tälern der Bergländer zwischen 400 und 600 mm und in der Bergwaldstufe steigen sie bis auf 1200 mm an. Der Niederschlag hat, wie schon eingangs erwähnt, eine sehr hohe Variabilität (vgl. MÄCKEL & WALTHER 1993, S. 72). MÄCKEL & WALTHER (1993) unterscheiden im Raum Korr 10 Landschaftstypen mit unterschiedlich fortgeschrittenen Degradierungsgraden, die hier nicht näher aufgeführt werden sollen. Auf zwei Beispiele für einen Degradationsablauf wird später jedoch eingegangen.

 

3.1 Degradationsserie (allgemein) 

1.            Ausgangszustand/Klimaxzustand: Grassavanne (durch Befragungen und Sukzessionsexperimente fand man heraus, dass diese bis ca. 1950 bestand)

2.            Externer Impuls: Samburu Grazing Control Rules von 1936 (Verdrängung der Nomaden aus Trocken- und Reserveweidegebieten)

3.            Bevölkerungs- und Herdenkonzentration in den marginalen Gebieten (Trocken-, Dornsavanne, Halbwüsten); die Folge davon ist die Zerstörung der Primärvegetation und eine Invasion von Sekundärvegetation

4.            Sekundärvegetation – Differenzierung:

a)      Duosperma eremophilum (anspruchsvolle Zwergsträucher)

b)      Indigofera spinosa/cliffordiana (anspruchslose Zwergsträucher aus den Halbwüsten; bei Aridifizierung der Böden)

c)      Verlust der ”Soil Seed Bank“ (=Samenbank für indigene Pflanzen im Boden) durch Oberflächenabspülung

5.            Ergebnis der Degradierungsprozesse:

a)      ”braune Desertifikation“ (z.B. Gully-Bildung, Oberflächenversiegelung)

b)      ”grüne Desertifikation“ (Ansiedlung nicht-beweidbarer Kräuter und Sträucher)

 

3.2  Die Degradierung der Schirmakazienwälder im Saangani- und Ngurunit-Tal

 Die Schirmakaziengehölze bestehen in der Baumschicht hauptsächlich aus der Schirmakazie und wenigen anderen Arten wie Boscia coriacea, Maerua crassifolia, Cordia gharaf und Grewia-Arten. Der zum Teil sehr dichte Unterwuchs setzt sich vor allem aus Duosperma eremophilum zusammen, die wohl nicht zur ursprünglichen Vegetation gehört, sondern überwiegend dort auftritt, wo durch Brand oder Ausholzung Lichtungen im Akazienwald entstanden sind. Da sich diese Strauchart auf offenen Stellen sehr schnell vermehren und ausbreiten kann, wird vermutet, dass die Verbreitung von Duosperma eremophilum anthropogen gefördert wird. Er ist der am weitesten verbreitete Zwergstrauch in den Distrikten Marsabit, Samburu und Isiolo und stellt vor allem während der Trockenzeit eine wichtige Nahrungspflanze für Ziegen und Kamele dar (vgl. SCHWARTZ et al. 1988, in: MÄCKEL & WALTHER 1993, S. 77). Das Akaziengehölz wird von Kamelen und Rindern gemieden, von Schafen und Ziegen recht häufig besucht. Die Früchte von Akazien dienen den Herdenhaltern als Nahrungs- und Futtermittel für die Tiere. Aufgrund von Holzeinschlag, Waldweide oder Feuer lichten sich die Gehölze auf, somit verstärkt sich die Flächenspülung sowohl auf den flachgeneigten Hängen als auch in der Talebene. An offenen Stellen ist der Boden bereits soweit abgetragen, dass sich 20 cm hohe Wuchssockel gebildet haben. Mit zunehmender Vegetationszerstörung treten an den flachgeneigten Böschungen neben Spülbändern, in denen auch Grus verlagert wird, bereits lineare Erosionsformen auf, insbesondere entlang von Trampelpfaden der Tiere. Wo die Bodenzerstörung besonders intensiv vorangeschritten ist, bildet sich ein dichtes Netz von Erosionsrinnen und –gräben (=Gully-Bildung), die Spülflächen sind nur noch wenige Meter breit; die Gullies laufen am Hang aus. Eine verstärkte Abtragung des Feinmaterials stellt sich dort ein, wo der schützende Galeriewald bereits zerstört wurde (größeres Gefälle, höhere Wasserkonzentration). Im Endstadium sind die Flächen entlang der Gerinne vegetationsfrei und durch Grabenerosion zerstört, denn die Pflanzenwurzeln sind freigelegt und sterben ab. Äußerlich ein sichtbares Indiz für die Desertifikation ist im übrigen die Farbe ”braun“, denn der Oberboden wurde hier wegerodiert (vgl. MÄCKEL & WALTHER  1993, S. 80)

SCHIFF (1995) stellt in ihrer Diplomarbeit heraus, dass Duosperma eremophilum sich erst nach der Auflichtung der ursprünglichen Grassavannenvegetation ausbreiten konnte; somit würde ihre Verbreitung schon die zweite oder dritte Degradationsstufe darstellen. Wenn diese Bestände dann ebenfalls durch Übernutzung aufgelichtet werden und sich die Bodenqualität durch fortschreitende Degradierung weiterhin verschlechtert, kann sich Indigofera ausbreiten. 

Indigofera ist ein Eindringling, welcher ein Indiz dafür ist, wie stark eine Degradierung fortgeschritten ist. Bei einem ungestörten Standort oder der leichtesten Degradierungsstufe 0 – 1 herrscht noch zu 100 % Duosperma eremophilum vor, bei Stufe 2 – 3 existiert der Eindringling Indigofera zu ca. 5 %, bei einem Degradationsgrad von 4 ist das Verhältnis zwischen beiden Vegetationsformen 50 % zu 50 % und bei der stärksten Degradierungsstufe von 5 herrscht Indigofera zu 90 % und mehr vor. Je stärker also die Degradation der hier vorherrschenden Cambisols, desto höher liegt der Anteil der anspruchslosen Indigofera-Zwergsträucher.

 

3.3  Degradierung von Commiphora-Gehölzen der Inlandebene

 Dieses zweite Beispiel einer Degradationsserie geht von einem Commiphora-Gehölz mit Indigofera-Zwergsträuchern aus, welches über abgeflachten und stabilisierten Dünen der Inlandebene, der Hedad vorkommt. Die Commiphora-Gehölze sind typisch für die Zonen mit höheren Niederschlägen (600 – 700 mm im Jahr). Wenn gutentwickelte Bestände ausnahmsweise in trockeneren Gebieten vorkommen, so muss davon ausgegangen werden, dass sie sich unter günstigeren Bedingungen entwickelten und heute gegenüber Störungen besonders empfindlich sind. Wenn sie gebrannt oder geschlagen werden bzw. altershalber absterben, ersetzen sie kleinere Zwergsträucher (u.a. Duosperma eremophilum), da keine Jungpflanzen mehr nachwachsen können. Starke Nutzung bewirkt daher eine rapide Zerstörung ohne Regenerationsmöglichkeit. Und wo solch eine Zerstörung erfolgt ist, beginnt die lineare Erosion bereits auf ebenen Flächen. Infolgedessen entstehen tiefe Rinnen bis zu 20 cm zwischen den Zwergsträuchern. Um diese herum kann sich das Material noch halten, so dass häufig Duosperma auf einem kleinen Sockel über den Rinnen herausragen. Durch Nutzung und Abtragung ändert sich sowohl der Bedeckungsgrad der Vegetation als auch die Artenzusammensetzung. Es treten vermehrt Duosperma eremophilum auf, in der Baum- und Strauchschicht teilweise Überweidungsanzeiger wie Jatropha, Calotropis procera und Acacia nubica, welche oftmals nahe der Siedlungen und Wasserstellen vorkommen. In der Trockenzeit werden die Abtragungsprozesse noch durch äolische Aktivitäten modifiziert, wie man beispielsweise an Rippelmarken und Auswehungen auf freien Flächen erkennen kann. Die entscheidende Komponente für die Oberflächenformung ist jedoch das abfließende Niederschlagswasser während der Starkregen. Mit fortschreitender Vegetationszerstörung bzw. geringerer Regeneration verstärkt sich die äolische Abtragung, es kommt zur Auswehung von Feinmaterial und zur Anwehung von Sanddecken, anschließend sogar zur Dünenbildung. Das Dünenfeld nordwestlich von Korr entstand innerhalb weniger Jahre auf diese Art und Weise, wo die Anwehung hinter Duosperma-Zwergsträuchern entstand. Diese sterben daraufhin ab, so dass der Bedeckungsgrad von Indigofera cliffordiana und Duosperma eremophilum auf stark beeinträchtigten Flächen nur noch ca. 1 % beträgt (vgl. MÄCKEL & WALTER  1993, S. 88).

 

3.4    Degradierung der Bergwaldstufe am Beispiel der Ndoto Mountains

 Die Bergregionen Nordkenyas nehmen innerhalb der nomadisch genutzten Trockengebiete eine besondere landschaftsökologische Stellung ein, was sich in der Bedeckung mit einem geschlossenen, immergrünen Bergwald in den oberen Stufen zeigt. Orographisch bedingte Regen und Nebelnässen erzeugen ein im Gegensatz zu z.B. den Inlandebenen erhöhtes Feuchtigkeitsangebot und zu einer ausgeglicheneren Niederschlagsverteilung. Die Bergwälder stellen somit ”Feuchteinseln“ dar, welche von Trockengebieten umschlossen werden
(vgl. LENTES & SIGMUND & HORNETZ 2001, S. 1ff.).

Die Ndoto Mountains sind nur spärlich besiedelt, außerdem lassen Pastoralisten ihr Vieh nur bis zur Croton-Zone weiden, so dass der anthropogene Einfluss in den Bergwäldern der Gipfelregionen nicht sonderlich stark ist (vgl. SIGMUND & LENTES 1999, S. 193). Allerdings wurden in der Zeit der ”Saheldürre“ zwischen 1972 und 1976 die Berge als Reserveweiden sehr stark genutzt, daher schritt die Vegetations- und Bodendegradation schnell voran. Heutzutage findet unkontrollierte Beweidung insbesondere in den steilen Hangbereichen bis 1600 m Höhe (untere Waldstufe) statt. Die Gebiete zwischen 1600 und 1800 m Höhe, wie z.B. die marginale Croton-Zone, haben mit 19 % den größten Anteil an degradierter Fläche unter den Gebieten der Bergwaldstufe erreicht, was aus Luftbildaufnahmen ersichtlich ist. Die Croton-Wälder müssen somit als weitgehender zerstörter Vegetationstyp angesehen werden (vgl. LENTES & SIGMUND & HORNETZ 2001, S. 4ff.; SIGMUND & LENTES 1999, S. 193). Neben dem halbimmergrünen Croton megalocarpus-Wald treten Diospyros abyssinica und Teclea simplicifolia als bestandsbildende Baumarten auf. Hier findet man bereits Bartflechten an den Bäumen, durch welche die Untergrenze der regelmäßigen Wolken- und Nebelbildung angezeigt wird. Im unteren Bereich ist die ca. 15 m hohe Baumschicht aufgelichtet, so dass sich dickichtbildende Straucharten bilden konnten (vgl. LENTES & SIGMUND& HORNETZ 2001, S. 8). Dies sind die Auswirkungen einer dynamischen Vegetationsentwicklung, verbunden mit dem Einfluss von Waldbränden und intensiver Weidehaltung in der Höhe. Diese Bergwaldzone kann als leicht degradiert mit der Degradierungsstufe 1 bezeichnet werden, denn auf der einen Seite findet sich eine nur leichte Vegetationszerstörung, auf der anderen Seite ein guter Zustand des Waldbodens, bei welchem noch keine Anzeichen von Bodenerosion festzustellen sind. Die dichte Vegetation mit ihrem ausgeprägten, weitreichenden Wurzelsystem schützt den Boden vor Erosionsprozessen. Der Waldboden enthält hier viel organisches Material und hohe bis sehr hohe Stickstoffgehalte, insbesondere im Vergleich zum Buschland direkt unterhalb der Croton-Zone.

Da diese Zone nur leicht degradiert ist, könnte sie sich zu einer noch geschlosseneren Waldstufe mit einer ausgeprägteren Baumkronenschicht entwickeln sowie eine vielfältigere Vegetationsstruktur erhalten, wenn sie auf lange Sicht gesehen vor Übernutzung geschützt würde (vgl. SIGMUND & LENTES 1999, S. 193).

Weite Teile der Wassereinzugsgebiete liegen in der Croton-Zone, und die degradierten Flächen liegen meist nahe der Wasserläufe und sind recht gut vom Vieh zu erreichen. Durch die Degradation kann ein Teil der Niederschläge nicht zur Grundwasserneubildung genutzt werden, da er durch Oberflächenabfluß verloren geht. Dies ist u.a. ein Grund, warum sich wahrscheinlich auch die Wasserführung des Arsim- und Ngurunit-Flusses in den letzten Jahrzehnten veränderte, denn beide Flüsse trockneten ab den siebziger Jahren für den Großteil des Jahres aus. Um also die Wasserversorgung der Bevölkerung langfristig sichern zu können, müssen Maßnahmen unter Einbezug der einheimischen Bevölkerung ergriffen werden, welche u.a. die Wassereinzugsgebiete der Ndoto Mountains schützen und regenerieren sollen
(vgl. LENTES & SIGMUND & HORNETZ 2001, S. 11).

Auch auf dem Suruan Plateau im nördlichen Teil der Ndoto Mountains (ca. 2200 – 2400m) ist die ursprüngliche Waldvegetation von den Samburus schon vor langer Zeit größtenteils gerodet worden, um Weideflächen für ihre Tiere zu schaffen. Heute wechseln sich Weideflächen mit kleinen Ackerflächen an Siedlungen dort ab. Die Reste des Bergwaldes werden von Juniperus procera dominiert, die aus den trockenen Bergwäldern stammen. Juniperus gilt als Pionierpflanze entwaldeter Flächen, welche Licht benötigt. „Erreichen diese von Juniperus dominierten Sukzessionsstadien des Waldes ein gewisses Alter und damit eine höhere Bestandesdichte, ist die Regeneration dieser Spezies erschwert, und Juniperus wird nach und nach von anderen, meist breitlaubigen Waldbäumen ersetzt.“(WIMBUSH 1937, in: LENTES & SIGMUND & HORNETZ 2001, S. 7f.)

 

4  Regenerationsmöglichkeiten

 Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum, abnehmender Tragfähigkeit der natürlichen Ressourcen und Armut in den Entwicklungsländern wird immer offensichtlicher. Daher wurde das Konzept der Ländlichen Regionalentwicklung (LRE) entwickelt, das versucht, über die Förderung der Agrarwirtschaft bzw. der ländlichen Räume die Ernährung zu sichern sowie die natürlichen Ressourcen zu stabilisieren.

Als funktionsfähiges Beispiel für dieses Konzept kann das Marsabit Development Programme (MDP) der GTZ in Nordkenya angesehen werden, wobei sich die konkreten Aktivitäten unter anderem erstrecken auf:

·        die Verbesserung der Tierproduktion in den Weidegebieten

·        die Unterstützung tierhygienischer Maßnahmen

·        die Verbesserung der Vermarktungssysteme

·        die Verbesserung von Saatgutversorgung in den kleinbäuerlichen Betrieben (Saatgut für angepasste Kulturpflanzen) sowie die Unterweisung in Agrartechniken; angepasste Landnutzungsplanung; On-Farm-Experimente, Demonstrationsplots, Feldtage

·        Förderung von Rehabilitationsmaßnahmen (z.B. Aufbau von lokalen Baumschulen)

·        Förderung des ländlichen Kleinhandwerks sowie anderer unternehmerischer Aktivitäten

·        Verbesserung der Wasserversorgung

·        Verbesserung der sozialen Infrastruktur (u.a. Schulen, Familienplanungsprogramme)

 

Das Projekt startete 1992 und hat sich zumindest in den ersten Jahren als erfolgreich herausgestellt, da die zur Verfügung stehenden Mittel zur Abfederung der Nahrungsmittelknappheit (infolge der Dürren wie z.B. 1991-92, 1993-94), zur Verbesserung der materiellen und sozialen Infrastruktur sowie im Ansatz zur Regeneration von Degradierungsschäden über bereits bestehende technische Hilfsprogramme direkt an die Zielgruppen kommen konnten (vgl. HORNETZ 1997, S. 254).

Wichtig ist, dass lokale Partner gleichberechtigt in die Entwicklungszusammenarbeit miteinbezogen werden, da beispielsweise die einheimischen Kleinbauern in der Regel besser wissen, wann genau der richtige Saatzeitpunkt zu Beginn einer Regenzeit zu wählen ist, als es Berechnungen über ermittelte Niederschlagsmengen können.

Die Sesshaftwerdung/-machung von Nomaden stellt generell ein ökologisches und sozioökonomisches Problem in den von Desertifikation betroffenen Gebieten in Nordkenya dar. Im Raum Ngurunit/Korr herrschen zwar recht günstige Bedingungen für eine differenzierte Landnutzung, doch muss hier eine ständig steigende Bevölkerungs- und Herdenzahl mit Nahrung und Wasser versorgt werden, zusätzlich die Ressourcen geschützt und wieder in Wert gesetzt werden, insbesondere an stark degradierten Standorten, welche für die Weidewirtschaft unproduktiv geworden sind. Und auch nach erfolgter Sesshaftwerdung kann es zu starken Beeinträchtigungen des Naturpotentials hinsichtlich nicht angepasster Anbaumaßnahmen und Abholzung kommen. Normalerweise lösen äußere Zwänge wie Dürren und/oder politische Maßnahmen eine Sesshaftwerdung der Nomaden aus.

Der Agropastoralismus (Integration von Viehhaltung und Feldbau) ist in semiariden Gebieten eigentlich eine risikomindernde Wirtschaftsweise, die auch aus soziologischen Gründen für die Überführung von rein nomadischen in sesshafte Systeme am besten geeignet ist, doch sollte versucht werden, traditionelle Elemente des Nomadismus mit kleinstrukturierten Anbauformen zu kombinieren, und zwar unter Berücksichtigung von Maßnahmen der Baumweide, Wasser- und Bodenkonservierung (Matuta-System), der kontrollierten Feldgraswirtschaft und der Weideflächenrestaurierung (reseeding) (vgl. HORNETZ 1997, S. 258).

Anfängliche Erfolge dieser On-Farm-Experimente führten schnell dazu, dass sich immer mehr Nomaden dazu entschieden, den kleinparzellierten Feldbau als zusätzliche Nahrungs- und Einkommensquelle zu betrachten, so dass die Felder sich zunehmend auf ökologisch begünstigten Standorten der westlichen und östlichen Ndoto-Pedimente und um Baragoi ausbreiten (vgl. HORNETZ 1997, S. 260).

Die praktische Umsetzung im Bereich angepasster Landnutzung kann beispielsweise folgende Maßnahmen umfassen:

Als biotischer Schutz vor Gully-Bildung kann die Anpflanzung von Sisal-Agaven dienen, oder die Anlage von Dornhecken an Feldrändern als Schutz vor Verbiß durch Schafe und Ziegen. Angepasste Bäume wie Akazien könnten wiederangepflanzt werden. Sichelförmige Gräben könnten hangparallel ausgehoben werden, in denen Saatgut eingepflanzt wird, eine Art mechanische Rehabilitierung. Die Ansaat von Leguminosen als Stickstofffixierer wäre vorteilhaft. Lokalisierter Trockenfeldbau unter Akazien, die als Schattenspender dienen, wäre eine gute Maßnahme, wobei zu bedenken ist, dass bei Starkregen eine verstärkte Erosion stattfinden kann. Ein gutes System für die Abflussverbauung ist das Matuta-System, wobei die Matutas hangparallel angelegt werden. Gute Ernteerträge sollen auch diverse Bohnenarten wie die hitze- und trockenresistente Tepary-Bohne liefern, welche viel produzieren, aber wenig Wasser verbrauchen. Ein abiotischer Schutz wären Steinmauern, die vor Gully-Bildung sowie Schafen und Ziegen schützen. Die Anlage von Steinbomas (Viehkrale) wären eine gute Möglichkeit für Nomaden, die nicht mehr so viel umherziehen, um den Viehdung als Dünger weiterzuverwenden und um die Felder nachts vor Raubtieren zu schützen. Wichtig ist demnach ein kontrollierter Agropastoralismus, wobei neue und traditionelle Bearbeitungsformen angewendet werden sollten (vgl. HORNETZ 1997).

 

Beispiel eines On-Farm-Experimentes in Ngurunit (aus: HORNETZ 1997, S. 261ff.):

Höhergelegene Teile der Hofstelle werden gegen fast unbewachsene Felspartien eines Inselbergs mit einem 1 – 1,50 m tiefen und breiten Graben abgegrenzt, so dass das von den Felsplatten kommende Regenwasser gebremst wird, die Anbauflächen so vor Erosion geschützt werden und dieses Wasser teils zur Zusatzbewässerung der Baum- und Gemüsekulturen genutzt werden kann. Die Grabenränder werden ebenso wie andere Feldgrenzen durch einen ”Lebendzaun/Hecke“ (life fence) von tiefwurzelnden Baum- und Straucharten geschützt. Viele der bis zu 10 m hohen Acacia tortilis wurden auf der Hofstelle und auf den Feldern gelassen, so dass die positiven Effekte dieser Bäume (z.B. Schatten) auf das Wachstum der Kulturpflanzen zum Tragen kommen. Es werden Mais und Bohnen in Mischkultur mit guten Ertragsergebnissen angebaut (so z.B. während der gut ausgeprägten ”short rains“ 1990); allerdings können immer mal wieder Missernten eintreten wie z.B. während der ”long rains“ 1991. Lediglich die gutangepaßte Tepary-Bohne (proteinreich) konnte sich im Schatten der Akazien gut etablieren, so dass hier eine Ausdehnung des Tepary-Anbaus befürwortet wurde.

Neben dem Trockenfeldbau wird auf der Hofstelle noch auf ca. 0,1 ha Bewässerungsfeldbau betrieben, wobei das Feld regelmäßig mit Viehdung melioriert und mit Wasser aus dem benachbarten Graben sowie aus einer Wasserleitung gut versorgt wird. Ein zusätzliches Einkommen erhält der Agropastoralist aus den angepflanzten Bananen, Papayas, Mangos, Chillies, Tomaten und anderen Frucht- und Gemüsekulturen, die auf dem nahegelegenen lokalen Markt in Ngurunit verkauft werden.

Dennoch werden durch die Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivitäten der ansteigenden einheimischen Bevölkerung Landnutzungskonflikte nicht verhindert. Daher ist eine nachhaltige Landnutzungsplanung wie z.B. durch das MDP für diesen Raum dringend notwendig (vgl. MDP 1994, in: HORNETZ 1997, S. 268).

 

5  Schlussbetrachtung

Steigende Bevölkerungszahlen, ackerbauliche Nutzung bzw. Übernutzung von Gunsträumen und Trockenzeit- und Reserveweiden, eine hohe Variabilität der Niederschläge und die eingeschränkte Mobilität der Nomaden im Raum Ngurunit/Korr in Nordkenya führen zu fortschreitenden Degradierungsschäden von Vegetation und Böden, somit also zu einer unwiderruflichen Zerstörung der natürlichen Ressourcen und zu einem großen Problem hinsichtlich der Ernährungssicherung in diesem Raum. Anspruchslose Zwergsträucher aus den Halbwüstengebieten halten immer mehr Einzug in die semiariden Räume und verdrängen die Klimaxvegetation wie z.B. die Grassavannen. Um der zunehmenden Desertifikation Einhalt zu gebieten, müssen Lösungen gefunden werden. Erfolgreiche Ansätze bietet das oben erwähnte MDP-Programm von der GTZ. Inwiefern solche Ansätze praktisch umzusetzen sind und auch langfristig Erfolg versprechen, bleibt abzuwarten.

 

Literaturauswahl:

 ·        HORNETZ, B. (1995, Hrsg.): Exkursionsführer Ostafrika. – unveröffentlicht, Univ. Trier, Trier.

·        HORNETZ, B. (1997): Ressourcenschutz und Ernährungssicherung in den semiariden Gebieten Kenyas: ein holistischer methodischer Ansatz unter Verwendung von agrarökologischen Experimenten, Computersimulationsmodellen und geographischen Informationssystemen (GIS) - Berlin.

·        IBRAHIM, F.N. (1989): Hunger im Sahel. – In: Geographie heute, 72, 1989, 12 – 16.

·        LENTES, P., SIGMUND, R. & HORNETZ, B. (2001): Zur Problematik der Nutzung und Degradierung von Bergregionen in den Waldschutzgebieten der semiariden und ariden Tropen. Eine geoökologische Untersuchung im Ndoto Range Forest Reserve, Nordkenya. – Zentralblatt für Geologie und Paläontologie (im Druck).

·        MÄCKEL, R. & WALTHER, D. (1993): Naturpotential und Landdegradierung in den Trockengebieten Kenyas. – (=Erdkundliches Wissen, 113), Stuttgart.

·        MENSCHING, H. (1979): Desertifikation. Ein aktuelles Forschungsproblem. – Geographische Rundschau, 90, S. 350 – 355

·        SCHIFF, C. (1995): Erfassung und Bewertung von Bioindikatoren zur Früherkennung von Degradationserscheinungen in Nordkenia im Hinblick auf eine nachhaltige Landnutzungsplanung. – Diplomarbeit Universität Trier, Trier.

·        SIGMUND, R. & LENTES, P. (1999): Investigations on vegetation, land use and degradation in the area of the Ndoto Mountain Range. – (=Materialien zur Ostafrika-Forschung, 21), Trier.

 

 

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