Exkursion nach Kenya und Uganda, Februar-März 1999

Felix Kupper und Gregor Tintrup gen. Suntrup

Quellen: 

Text: "Geoid" 1. Jahrgang Ausgabe Juli 1999

Photos: Richard Theis

"Samstag Abend, 18.00 Uhr, Treffpunkt ACK - Guest House, Bishops Road, Nairobi," diese Vorgabe klang wie ein Befehl zu einer mysteriösen Mission in Ostafrika, war aber der nüchterne Ausgangspunkt unserer gutgeplanten Exkursion. Unsere Gruppe setzte sich aus 16 Studenten und Studentinnen, zwei kenyanischen Fahrern, dem Geographiedoktoranden und Mitbetreuer Dietmar Zühlke und dem Exkursionsleiter PD Dr. Berthold Hornetz zusammen.

Bild 1: Central Business District Nairobi

Die Exkursion führte uns von Nairobi gen Norden zum Lake Turkana und von da aus Richtung Westen bis Jinja, in Uganda am Lake Viktoria. Den südlichsten Punkt der Route bildete die Masai Mara, der kenianische Teil der Serengeti. Schließlich erreichten wir nach 33 Tagen und 4.000 bei bester Gesundheit und Laune wieder Nairobi. Zudem absolvierten wir zwei Praktika in Kenya. In Mwingi, etwa 230 Kilometer östlich von Nairobi gelegen, beschäftigen wir uns mit dem kenyanischen Gesundheitssystem und Entwicklungshilfeprojekten. In Ngurunit, in den Ndoto Bergen setzten wir uns mit der Energieversorgung der Samburus und Bodenerosionsproblemen auseinander.

26. Februar morgens. Ich stehe völlig hibbelig auf und sofort fallen mir wieder Millionen von Dingen ein, die ich vor unserer Abfahrt mit dem Zug nach Frankfurt noch zu erledigen habe. Die ganze Bude sieht noch aus wie ein Schlachtfeld, in der Küche stapelt sich das Geschirr auf der Spüle, und ich muß noch fast das komplette Exkursionsreferat vorbereiten. Superplanung! "Bin ich froh, wenn ich im Flieger sitze!" Ich hab' nicht mehr mitgezählt, wie oft ich in den letzten Wochen diesen Stoßseufzer in den Äther geschickt habe. Ich entscheide mich notgedrungen, den Tag mit dem Referat anzufangen und lasse Unordnung Unordnung sein...

Am selben Tag, elf Uhr abends. Kaum zu glauben. Ich sitze mit den anderen im Flieger und lasse mit einer mörderischen Geschwindigkeit meine chaotische Küche hinter mir. Ich lehne mich zurück, atme einmal tief durch und proste einem anderen gestreßten Exkursionsteilnehmer breit grinsend mit dem ersten von einigen Bieren dieser Exkursion zu...

Eine Exkursion ist eine sehr gute Möglichkeit, einen Einstieg in ein fremdes Land zu schaffen. Sie bietet den nicht zu unterschätzenden Komfort, mit eigenen Autos das Land zu bereisen und bewahrt vor unangenehmen Stress, den einige von uns beim Alleinreisen erleben konnten. Trotz guter Exkursionsvorbereitung wußte das Gros der TeilnehmerInnen nicht, was sie in Kenya erwarten würde. Sich mit einer fernen Kultur nach armchair Methode auseinander zu setzen, vermittelt zwar viel Wissen und den Glauben, man sei auf alles gefaßt, doch in Nairobi angekommen, fällt einem so einiges auf.

Erstens die eigene Hautfarbe. Mitten in einem Heer von 1,8 Millionen dunkelhäutigen Erdenbürgern leuchtet das Gesicht ähnlich einer Werbetafel, die den geschäftigen Nairobiern die verschiedensten Nachrichten zu übermitteln scheint: "Kann mir vielleicht mal einer für'n paar Schilling beim Gepäck helfen? - Ich brauch sofort mindestens fünf Taxen! - Wer verkauft mir bitte mal eben drei Kilo Massaischmuck?" Der noch vom Flug geräderte Mzungu (der rastlose Weiße) peilt gar nichts, läßt sich willig beim Gepäck helfen und freut sich innerlich über die zuvorkommende Hilfsbereitschaft seines Gastgeberlandes. Um so befremdlicher die fast scheue Frage des Helfers nach einer kleinen Vergütung seiner Dienste. Wie gut, daß Chefdriver Didi noch ein bißchen Kleingeld in der Tasche hat.

Zweitens vermittelt nach dem Geldtausch der dicke Stapel Kenya-Shilling den Eindruck, man sei reich (was man ja auch irgendwie ist, nur noch nicht weiß). Man kann es drehen und wenden wie man will, weiße Hautfarbe bedeutet in Ostafrika Reichtum - dies nicht zu Unrecht. Aber es ist gewöhnungsbedürftig, zuerst als Geldsack und dann als Persönlichkeit identifiziert zu werden.

Drittens dieses seltsame Kratzen in den oberen Atemwegen. Es setzt spätestens einige Stunden nach der Ankunft ein und verläßt einen auch nie richtig, es sei denn, man entfernt sich von Nairobi.

Viertens der von den Briten übernommene Linksverkehr, und, fünftens, quetschen sich auch noch Massen von Fahrzeugen auf den linken Straßenseiten. Daraufhin kommt einem sechstens in den Sinn, daß Nairobi vielleicht ein kleines Verkehrsproblem besitzt, und siebtens beschleicht einen endlich so eine Ahnung, woher das Kratzen im Hals kommt. Achtens, naja, achtens fällt auf, daß einem gar nicht mehr sooo viel auffällt, denn die Fahrt zum Quartier der ersten zwei Nächte führt uns in den sogenannten Central Business District, die sehr westlich geprägte Mitte Nairobis. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Großstädten der Welt. Das "richtige" Nairobi ist woanders. Dazu muß die magische Grenze Tom Mboya Street überschritten werden, und schon läßt man die blitzblanken Schaufenster, die glattgeteerten Straßen und die polierten Glasfassaden der Wolkenkratzer hinter sich.

Die Frage ist, wie man es macht, die gewohnte Welt hinter sich zu lassen. Der erste Tag in Nairobi war geprägt durch allgemeine Zerschlagenheit vom Flug, und niemand hätte ernstlich verlangt, daß  die Gruppe sich zu Fuß auf eine Nairobi-Rundwanderung begibt. Also schaukelten vier Geländewagen kreuz und quer durch Nairobis Innen- und Außenbezirke und die Insassen wurden von Zeit zu Zeit von kompetenter Seite mit Infos gefüttert. Aber ein Auto ist eine Blechkiste und von allen Seiten geschlossen. So erinnerten die durch umrahmte Fenster wahrgenommen, vorbeiziehenden Bilder manch einen eher an ein tonloses Fernsehprogramm als an die unmittelbare Wirklichkeit einer afrikanischen Metropole. Auch wenn das Programm spannend, manchmal sogar schockierend war, kam der "erste Kontakt" mit Stadt und Leuten erst später zustande, zu Fuß und allein.

Spötter mögen behaupten, man bewege sich bei einer Exkursion in fahrenden Käfigen durch die sehr schöne Landschaft und meide den Kontakt und die Auseinandersetzung mit den Menschen. Glücklicherweise boten sich genügend Gelegenheiten, den Käfig zu verlassen.

Es ist Nacht und wir befinden uns in einer Wirklichkeit weit fort von Zuhause. Es ist Zeit, im Zelt zu verschwinden und sich von den Geräuschen der Nacht in den Schlaf bringen zu lassen, bis sich die Ereignisse des Tages mit den Träumen vermischen. Ich krieche in meinen Schlafsack, richte schläfrig den Blick in den Nachthimmel und lausche den von ferne herangetragenen Gesängen der Morani, der jungen Krieger der Samburu. Träume garantiert. Unser Schlafplatz liegt an der dafür wohl weltbesten Stelle, nämlich mitten in den Ndoto Mountains, den Traum-Bergen, ungefähr 350 Kilometer nördlich von Nairobi. Ob diese Träume jetzt oder im Schlaf oder im Wachen stattfinden, spielt keine Rolle. Am nächsten Abend jedenfalls laufen wir im Gänsemarsch und bei völliger Dunkelheit über die Savanne, um einer Einladung zum Tanz zu folgen. Diesmal tanzen die "Älteren", die schon verheirateten Männer und Frauen mit Kind und Kegel. Wir sehen zunächst kaum etwas, es gibt kein Feuer, das die Szene etwas erleuchtet. Das rhythmische, tief tönende Singen der Männer erfüllt die Luft. Mir wird etwas schwindelig. So viel Fremdartigkeit auf einmal, und ich hab' nicht die Bohne einer Ahnung, was ich jetzt tun soll. Glücklicherweise sind unsere Gastgeber nicht so verschüchtert. Wir werden in Gespräche verwickelt, zum Tanzen gedrängt und die Kinder treiben ihre Späße mit uns. Trotz der Herzlichkeit und Wärme, die uns entgegengebracht wird, fällt es nicht jedem leicht, sich so einfach wohl zu fühlen. Manche spüren die Schwelle deutlicher, die zwischen unseren Kulturen liegt. Als wir nach Hause gehen, sind die einen vom Tanzen müde, die anderen vom Überklettern der Schwelle. Der Satz eines unserer Gastgeber vereint jedenfalls alle, egal ob Samburu, Pfälzer, Westfalen, Schwaben, Moselfranken oder wen auch immer: "Nimechoka kabisa! - Ich bin total fertig!"

Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen, spannende Erlebnisse hatten wir auch innerhalb des Käfigs: Wir bewegten uns durch die Chalbi-Desert, die zwischen der Stadt Marsabit und dem Turkanasee liegt. Die Salztonpfanne mit ihren Salzkrusten und Luftspiegelungen hatten wir bereits durchquert. 

Foto2: Luftspiegelung in der Chalbi-Desert

Aber schon dort kündigte sich etwas an, mit dem wir in dieser Gegend am wenigsten gerechnet hatten. Wasser, Nässe, Matsch. Schon in den Ndoto-Mountains hatten wir die schwache Vermutung, daß wir den Regen in unseren Hosentaschen mit uns herumtragen. 75 Millimeter wurden dort in anderthalb Stunden über uns ausgekippt. Jetzt sahen wir in hundert Metern Entfernung einen randvollen Lagga, einen episodisch wasserführenden Fluß, auf uns zu kommen. Anhalten war nicht möglich. Der Boden war schon zu tief aufgeweicht, und zwei vorausgefahrene Wagen hatten bereits alle einigermaßen standfesten Plätze besetzt. Blieb nur eins GAS! GAS! GAS, und versuchen durchzukommen. Eine Riesenbugwelle überschüttete das Auto mit schlammiger Brühe, und wir saßen fest. Hatte unsere Gruppe sich bis dahin einzig durch ihre gemeinsam plattgesessenen Hinterteile zusammengehörig gefühlt, waren wir nach drei Stunden Plackerei in Matsch und Wasser eine eingeschworene Gemeinschaft. Wir hatten es gemeinsam geschafft, das Auto aus dem Dreck zu bugsieren. Die gute Laune war auch nötig, denn der Himmel über der Wüste entschloß sich einmal mehr, sich ganz untypisch mit Wolken zu überziehen und die Chalbi mit einer dicken Schicht Wasser zu bedecken.

Foto3: Festgefahren in der Chalbi-Desert

Nach fünfzehn Kilometern ohne Scheibenwischer und 'zigmal festgefahrenen Autos auf der kaum noch zu erkennenden Piste entschlossen wir uns, an Ort und Stelle die Nacht zu verbringen. Eine gute Entscheidung. Welch besseren Ort hätte man sich für den gigantischen Sonnenaufgang aussuchen können, als ein Zeltlager mitten in einer (fast) menschenleeren Halbwüste? 

Foto4: Sonnenaufgang in der Chalbi-Desert

Glücklicherweise hatte sich am Morgen die Straßenlage verbessert. Die Autos rumpelten ohne Probleme über den entwässerten Untergrund, und die kaputten Scheibenwischer klimperten im Takt dazu.

Heraus aus dem Outback, etwa 300 Kilometer südöstlich und zurück auf  "ordentlichen Straßen, klimperte dann wieder unser Geld. Touristen liebt man ihres Geldes wegen, weltweit. Auch Uganda, die Perle Ostafrikas, ist verliebt und erhebt von Einreisewilligen eine Gebühr von 30 US-Dollar. Zähneknirschend zahlten wir, hatten wir aber noch Verständnis. Immerhin haben ugandische Staatsbürger mehr Probleme an europäischen Grenzen.

Boykottreif ist aber die Besteigung des Mt. Elgons. Die Perle erhebt mittlerweile 70 US-Dollar pro Wanderer, um den 4.321 Meter hohen Bert zu besteigen. Der Mt. Kenya ist etwa halb so teuer. Wir wollen hoch, also zahlen wir, sind jedoch enttäuscht, daß dieses Geld nicht in den Schutz der geschundenen Bergwelt fließt. Uganda hat andere Probleme. Da wären beispielsweise bettelnde Straßenkinder, wie in Mbale, die ihr Dasein, oft eine Folgeerscheinung von AIDS, durch schnüffeln von Klebstoffen erträglich machen. Die Perle nimmt sich zwar dieses Problems an und schenkt jedem Straßenkind eine vierjährige Schulausbildung, nicht jedoch die tägliche Schulspeisung. Da es sich aber mit leeren Mägen schlecht lernen läßt, versuchen die Kinder ihr "Glück" weiter auf der Straße. Könnte man die 70 Dollar nicht...?

Die Eindrücke und Erlebnisse dieser Exkursion waren mit Sicherheit vielseitiger als hier beschrieben. Die vielen, von dem Exkursionsleiter und durch die Praktika vermittelten Informationen hätten ohne weiteres für eine Ostafrika-Länderkunde ausgereicht, auf dessen Beschreibung wir aber bewußt verzichtet haben. Mit dieser Auswahl von Eindrücken und Erlebnissen wollten wir einen kleinen Ausschnitt einer vielfältigen und großartigen Exkursion vermitteln.

Trotz des seriösen Anspruchs von Exkursionen, Herr Hornetz möge es uns verzeihen, kommen wir nicht umhin, unseren Aufenthalt mit dem viel zitierten Ausspruch zusammenzufassen: SUPER URLAUB!